Verschenkebörsen – des einen Müll ist des anderen Schatz

Keine drei Wochen ist es her, dass ich von der Verschenkebörse in unserer Gegend erfuhr. Sofort war für mich klar, dass ich einige Dinge abgeben möchte und, soweit vorhanden, andere Teile mit nach Hause dürfen. Dafür (und für die anstehende Flohmarktsaison) schrieb ich mir extra einen kleinen Notizzettel mit Bedarf und ggf. Wünschen unserer Familienmitglieder. Zwei Töpfchen für den Kleinen hätte ich zum Beispiel gern und ein paar T-Shirts. Außerdem sucht der Große noch nach bestimmten Büchern. Die Vorfreude auf unsere Schatzsuche war groß. Nicht eine Sekunde habe ich darüber nachgedacht, dass der Besuch einer Verschenkebörse beschämend sein könnte. Doch das sollte sich noch vor der Tür zur Börse ändern.

Wie läuft so eine Verschenkebörse eigentlich ab?

Für die Verschenkebörse wurden im Vorfeld – hier vormittags – Dinge gesammelt, die in ihrem ursprünglichen Zuhause nicht mehr von Nutzen oder gewollt sind. Das können Bücher, Kleidungsstücke, Küchenutensilien und Dekorationsgegenstände sowie Spielzeuge sein. Im Grunde ist die Abgabe von Dingen nicht eingeschränkt (ich entdeckte sogar einen wunderbaren Schaukelstuhl). Ab 13 Uhr wurde die Börse für alle Besucher zum Auswählen und zur Mitnahme der Gegenstände eröffnet – kostenlos.

Plötzlich gab es Schubsereien und laute Rufe

Kurz vor Öffnung der Börse gesellte ich mich in die Gästeschar – neugierig auf das was kommen mag und mit leichtem Schielen auf meinen Notizzettel. Würde ich einen Teil meiner Schätze hier finden und ihnen einen neuen Nutzen geben können? Würde ich Gegenstände, die einmal viele Ressourcen verbraucht haben, vor dem Müll retten können? Danny war eher abgeschreckt von der Menschenschar und machte mich auf das Gedrängel vor der Tür aufmerksam. Dicht gedrängt standen die Menschen dort und warteten auf Einlass. Und während ich mich fragte, warum viele Menschen sich so verhalten, wurde der Schlüssel in dem Türschloss gedreht. Meine Gefühle zu dem folgenden Szenario könnten widersprüchlicher nicht sein. Sobald das Klimpern des Schlüssels zu vernehmen war, schubsten und drängelten sich mehrere Menschen vom hinteren Ende der Menschenschar nach vorne. Rücksichtnahme war nicht erkennbar. Offensichtlich wollten sie die ersten Besucher sein. Es schallten laute Rufe zu uns und irgendjemand stritt. Der kleine Tumult war schnell vorbei und auch die letzten Besucher strömten in die Halle. Ich blieb ein wenig verdutzt stehen und fühlte in mich hinein. Entsetzt und dankbar zu gleich – was ist das für ein Widerspruch in meinen Gefühlen?

Mir wird bewusst, wie verdammt gut es uns geht

Viele Gedanken auf einmal strömen durch meinen Kopf und es dauerte eine Weile, bis ich sie sortiert hatte. Das Entsetzen war das erste und stärkste Gefühl. Sind diese Menschen so dreist, dass sie alles, was irgendwie gratis ist, einfach abgreifen wollen? Denkt jeder, in dieser Überflussgesellschaft nur an sich? Oder – und was wäre für mich schlimmer auszuhalten – sind „diese Drängler“ schlichtweg so bedürftig, dass sie auf Börsen dieser Art angewiesen sind? Direkt danach stellten sich erst das Herz und dann der Verstand auf tiefe Dankbarkeit um. Nun war es zuerst tiefe Dankbarkeit darüber, dass meine Familie auch ohne diese Verschenkebörse gut über die Runden kommen würde, wie es so schön heißt. Gleich danach war es Dankbarkeit darüber, dass es Menschen gibt, die solch eine Börse überhaupt ermöglichen. Zunächst einmal die Ehrenamtlichen, die alles organisieren und umsetzen und natürlich die Leute, die sich die Mühe machen ihre Gegenstände hier abzugeben, statt sie schlichtweg in die Tonne zu hauen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Direkt danach, ich stöberte schon durch die Halle, eröffnete sich mir eine dritte Gefühlswelt. Scham. Ein Blitzlicht, einmal, zweimal, dreimal. Für mich war es überhaupt kein Problem, vielmehr freute ich mich über das Interesse der Presse. Ist doch eine gute Sache hier! Doch neben mir regte sich deutlicher Unmut, der lautstark kundgetan wurde. „Wir wollen nicht fotografiert werden! Muss doch nicht jeder sehen, dass wir hier sind!“ Scham, eindeutig.

Wann ist es eigentlich normal geworden, dass immer alles neu und sofort zur Verfügung steht?

Sie sprang mir ins Gesicht, nackt und mit riesigem Schwung: unsere Zweiklassengesellschaft. Ich stehe hier, voll Freude umweltbewusst zu handeln, Dinge vor dem Müll zu bewahren und ja, auch ein klein wenig unsere Geldbörse zu schonen. Diese Person jedoch war aus einer Not heraus hier und schämt sich dafür. Sie schämt sich, weil es für den Rest der Gesellschaft so normal geworden ist, in ein Geschäft zu gehen und sich den Wunsch oder ein Bedürfnis zu erfüllen. Sofort und direkt. Und plötzlich schäme auch ich mich. Nehme ich hier gerade Menschen, die diese Dinge gebrauchen könnten und kein Geld dafür haben, irgendwie etwas weg? Schließlich gibt es hier keine Werteinheiten, Aufseher oder Warteschlangen; wer zuerst da ist, bekommt den Gegenstand. Greift ihn, steckt ihn ein und trägt ihn fort. Jeder darf, unabhängig vom Einkommen, ein Besucher sein. Und dann ist da plötzlich eine Erkenntnis, begleitet von einer ganz anderen Scham: eben weil es so selbstverständlich ist, dass „die Einen“ dermaßen im Überfluss leben, kann es solche Börsen erst geben. Börsen, wo „die Anderen“ von nehmen können. Ein Teufelskreis?


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